Wurzeln und Vorfahren

Ein Familienfoto aus Kriegszeiten: Drei Männer mit Hitlerbärtchen, bei einem sichtbar das Parteiabzeichen.

In fast allen menschlichen Kulturen spielen die Vorfahren eine wichtige Rolle. Dies beruht auf dem kollektiven Gefühl, dass das Leben der Ahnen, auch wenn sie schon verstorben sind, einen Einfluss auf die Lebenden hat. Es gibt eine Verbindung zwischen den Vorfahren und der eigenen Identität, die auf mehr beruht, als auf bloßer Erinnerung. Das Woher zu kennen, verwurzelt zu sein, ist ein Teil des Selbstverständnisses.

Ablehnung der Elterngeneration

In Deutschland ist uns die Definition unseres Ichs über unsere Stellung in der Ahnenfolge abhandengekommen. Wir definieren uns hauptsächlich über das, was wir in unserem eigenen Leben zustande gebracht haben. Die Generationen der Kriegskinder und Kriegsenkel (bezogen auf den 2. Weltkrieg) stehen sogar ihren Eltern und Großeltern mit besonderer Ablehnung gegenüber. Ihr größtes Ziel ist, auf jeden Fall ganz anders zu sein, als die Vorfahren. Das bedeutet, sowohl kulturell als auch persönlich gesehen, einen Verlust an Wurzeln.

Ein Teil unserer Identität, nämlich der, welcher sich als Teil der Ahnenfolge, der familiären Abstammungsgemeinschaft sieht, wird negiert. Es fehlen überlieferte Werte und die gemeinschaftsstiftende und selbstbestärkende Kraft, die andere Kulturen aus der Beziehung zu ihren Vorfahren ziehen. Der Grund dafür ist, zu einem sehr großen Teil, das so genannte Dritte Reich.

Täter und Opfer

Alle Nationen, die Kriege erlebt haben, tragen Folgeschäden davon, ganz besonders in den Seelen der Menschen. Aber unsere Nation hat dabei noch eine Sonderstellung. Wir müssen alle damit leben, dass unsere Vorfahren entweder Täter oder Opfer (oder auch beides) waren. Die Täterschaft und die Opferrolle haben beide während des Nationalsozialismus ihre Extreme gefunden. Es ist kaum vorstellbar, dass Menschen noch grausamere Dinge tun können oder erleiden müssen. Die Schicksale unserer Vorfahren waren für jeden Einzelnen eine untragbare Last.

Verdrängung statt Verarbeitung

Die Kinder und Enkel dieser Täter und Opfer hatten keine Strategien, diese Bürde wirklich, bis zu einer vollständigen Heilung, zu verarbeiten. Weder ein Täter, noch ein Opfer kann in dieser Rolle ein gutes Vorbild sein. Der Gedanke an die Eltern oder Großeltern ist in unserem Land von sehr schwerwiegenden Gefühlen des Mitleids, der Schuld, des Hasses oder der Trauer begleitet. Die einzige Form der Verarbeitung, die zur Verfügung stand, war Verdrängung und Schweigen. Die Wurzeln wurden einfach ignoriert und abgetrennt. Sie wurden weder gepflegt, noch erforscht. Jedenfalls vom größten Teil der Betroffenen.

Kriegsenkel

Wir Kriegsenkel wuchsen mit einem seltsamen blinden Fleck in unserer Ahnenfolge auf. Wir spürten schon als Kinder, dass da ein großes Tabu war, das hinter einem Schleier aus Schweigen verborgen blieb. Hier und da sickerten Erzählungen „vom Krieg“ durch. In erster Linie waren das vergleichsweise harmlose Opfer-Varianten von Hunger oder Flucht, vom Verlust der Wohnung durch Bomben, von Gefangenschaft oder gefallenen Verwandten. Täter-Geschichten hörten wir nie.

Mein eigener Großvater hat mir als Kind auf mein Fragen hin erzählt, er hätte im Krieg immer absichtlich danebengeschossen. Ich habe ihm das geglaubt und was hätte er auch einem Kind sonst sagen sollen? Heute weiß ich, dass kein Frontsoldat überlebt haben kann, der wirklich immer bewusst daneben geschossen hat. Wir Kinder sollten „geschont“ werden. Und in der Gesamtheit gesehen schonten sich ganze Generationen selbst, weil sie nicht wussten, wie sie sonst mit der unsäglichen Katastrophe des erlebten Nationalsozialismus fertig werden sollten.

Stellvertreter

Auf der politischen Ebene hingegen hat man sich nach dem 2. Weltkrieg immer sehr bemüht gezeigt, die Schuld der Deutschen irgendwie zu gestehen, auszugleichen und Reue zu zeigen. Diese Reue demonstrierten die Deutschen aber selbstverständlich nur stellvertretend für die wirklich Schuldigen. Wer auch immer das gewesen sein sollte. Die Nazis waren immer irgendwelche ominösen anderen.

Tatsächlich wurden in Deutschland nur sechseinhalbtausend Personen für Naziverbrechen verurteilt – der allergrößte Teil davon mit nur milden Strafen von zeitlich begrenztem Freiheitsentzug oder Geldstrafen. Mehr NS-Verbrecher hat es also nicht gegeben? Natürlich doch, aber das System funktionierte ja noch lange nach dem es abgeschafft worden war.

Überdruss

Bei uns Kriegsenkeln stellte sich irgendwann in den 80ern das Gefühl ein, dass wir es nicht mehr hören können. Die ewigen KZ-Reportagen, die Kniefälle vor Denkmälern und all das Gestreue von Asche auf Politikerhäupter. Unser Überdruss gründete sich aber nicht auf Desinteresse oder mangelnder Betroffenheit. Der Überdruss bezog sich eigentlich darauf, dass wir genau spürten, dass uns keiner die Wahrheit über diejenigen erzählen wollte, die nicht in die Konzentrationslager verschleppt worden waren. Unsere eigenen Eltern und Großeltern haben einfach nicht rausgerückt mit dem, was wirklich mit ihnen selbst passiert ist. Sie konnten nicht. Sie haben das alles auch vor sich selbst verborgen.

Die Psychowelle der 80er

Wer in den 80er Jahren älter als etwa 16 Jahre war, hat es voll mitbekommen: psychologische Bücher fluteten den populärwissenschaftlichen Markt. Es wurde analysiert und diskutiert auf Teufel komm raus. Wir saßen nächtelang in Szenekneipen, das neueste Therapie-Buch auf dem Tisch und nahmen uns gegenseitig unsere Seelen auseinander -  immer auf der Suche nach den auslösenden Ereignissen irgendwo in unserer Kindheit oder in unseren Beziehungen.

Die damaligen Methoden der Psychotherapie konzentrierten sich so gut wie alle allein auf die Erlebnisse, die einem Menschen in seinem eigenen Leben wiederfahren waren. Die Eltern spielten nur insofern eine Rolle, als dass ihr direktes Einwirken auf das Kind – meist als schuldiger Faktor – in die Analyse der Persönlichkeit mit einging. Das Ergebnis waren Eltern mit Schuldgefühlen und erwachsene Kinder, die trotz jahrelanger Psychotherapie ihre Neurosen und Ängste nicht loswurden.

Nicht mein Leben

Denn es wurde etwas übersehen: Manche der teilweise massiven und scheinbar unbegründeten Ängste, die Unfähigkeiten oder die Aggressionen sind gar nicht aus der Biografie der Patienten entstanden, sondern aus der Biografie der Eltern und Großeltern. Für Menschen, die an unerklärlichen Ängsten oder anderen neurotischen Verhaltensmustern leiden, ist es eine große Erleichterung, zu begreifen: Das ist gar nicht meine Angst! Das ist die Angst meiner Eltern und meiner Großeltern!

Interessanterweise gab es bei den Jugendlichen in den 80ern eine Redewendung. Wenn  jemand bemerkte: "Das ist nicht dein Tag heute, was?", dann antwortete man: "Das ist nicht mein Leben!"

Das unausgesprochene „selbst schuld“ bei psychischen Problemen belastet zusätzlich und ist ein großes Heilungshindernis. Und auch hier verbirgt sich schon wieder das deutsche Trauma: Wieder geht es um Schuld! Niemand will schuld sein. Wer irgendwelche komischen Ängste hat, der könnte das auf jeden Fall selber ändern - wenn er nur wollte. Alles andere würde die Büchse der Pandora wieder öffnen. Um das gleiche Schema geht es im folgenden Absatz:

Generalabsolution

Als dieser Text das erste Mal durch die sozialen Medien ging, wurde ihm vorgeworfen, psychisch Kranken eine Generalabsolution dafür zu erteilen, nicht mehr an sich zu arbeiten, weil an den Problemen sowieso die Vorfahren schuld sind. Ich wage zu behaupten, dass auch diese Reaktionen typisch deutsch sind. Wir haben lieber ein Problem an das wir uns gewöhnt haben, als eine Lösung, die womöglich von uns verlangt, glücklicher zu werden.

Die Erkenntnis, dass manche unserer psychischen Reaktionsmuster ihren Ursprung in den Traumata unserer Vorfahren haben, ist eben keine Unterstreichung von Handlungsunfähigkeit. Im Gegenteil. Wer die Quelle eines Übels gefunden hat, der gewinnt die Freiheit, zu entscheiden was er damit tut. Und vor allem kann er endlich mit dem Suchen aufhören! (Ich empfehle hierzu die Geschichte vom verlorenen Schlüssel von Paul Watzlawik.)

Das Spiel mit der Schuld

Auf der anderen Seite sind Schuldgefühle nach wie vor sehr beliebt. Wer sich für irgendetwas (und sei es noch so abwegig) schuldig fühlt, gilt als lieb und tröstenswert. Schuldgefühle zuzugeben galt auch lange Zeit in der Psychotherapie als heilsamer Durchbruch und in den chaotischen Beziehungen der 80er war es die Pforte zur Generalabsolution. Schuld ist etwas, womit die Deutschen gut klar kommen. Da kennen sie sich aus. Es sei denn, jemand gibt ihnen die Schuld für irgendetwas, das geht wiederum gar nicht. Das macht Angst. Die Deutschen haben Angst. Mehr als andere.

"german angst"

In den englischsprachigen Ländern kennt man sogar den Begriff der „german angst“. Die Deutschen gelten in der Welt als besonders ängstlich. Und vermutlich stimmt das auch. Und es wäre wirklich schön, wenn wir diese "german angst" mal ablegen könnten. Damit wir das tun können, müssen wir die wahren Geschichten zu Ende erzählen. Und das bedeutet NICHT, immer wieder das mea culpa nachzukauen. Es bedeutet, den Menschen von damals eine Chance zu geben, als solche wahrgenommen zu werden. Denn das hätten auch wir sein können. Was hätten wir denn in dieser Situation gemacht? Verfolgte im Keller versteckt? So einfach war das aber nicht.

Letzte Zeitzeugen

Und jetzt haben wir das Jahr 2015. Es gibt fast keine lebenden Zeitzeugen mehr. Aber es gibt das Internet. Und es gibt eine neue Generation, die unverblümt Fragen stellt. Auch wir Kriegsenkel, die wir jetzt zwischen 40 und 60 Jahre alt sind, fragen uns, was WIR vielleicht schon unser Leben lang mit uns herum schleppen, dessen Ursache gar nicht in unserem eigenen Leben zu suchen ist.

Wir leben jetzt in einer Zeit, in der wir noch die letzte Chance haben, die wahren Geschichten zu sammeln und zur Verfügung zu stellen. Es ist auch Zeit, sie neu zu erzählen, so dass sie erlebbar werden, sie wahr zu erzählen, nachvollfühlbar und aus dem Alltag heraus. Wir brauchen Bilder, die vor unserem inneren Auge aus dem Schwarzweiß in die Farbe wechseln. Wir brauchen Szenen, die nicht Täter und Opfer zeigen, sondern Menschen im Alltag. Menschen die Träume und Pläne hatten, die liebten und lachten, die ihren Alltag meisterten und deren persönliche Beziehungen für sie eine wichtige Rolle spielten.

Das Leben ging ja im Krieg weiter! Dieses Leben wollen wir nachvollziehen. Nur so werden aus potenziellen Opfern oder Tätern wieder Menschen, mit denen wir verwandt sind. Wir brauchen unsere Vergangenheit wieder. Wir brauchen unsere Wurzeln, damit wir wissen, wer wir sind und wie wir zu dem geworden sind, was wir sind. Wir brauchen unsere Wurzeln, damit es uns gut gehen kann.

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