Ein unbeschriebenes Blatt?

Vor dem 20 Jahrhundert gingen die Menschen unseres westlichen Kulturkreises noch, mehr oder weniger, davon aus, dass nicht nur Äußerlichkeiten, sondern auch Charaktereigenschaften von Eltern oder Großeltern an Kinder vererbt werden. Wissenschaftliche Belege gab es dafür nicht.

Mit der zunehmenden Bedeutung der Erziehungswissenschaften erkannte man, dass ein Charakter zum größten Teil von der Lebensumwelt und den Erfahrungen abhängt, denen ein Mensch – besonders in seiner Kindheit – ausgesetzt wurde. Diese Ansicht ging so weit, dass man sich die Persönlichkeit eines Menschen bei seiner Geburt als Tabula rasa vorstellte – ein vollkommen unbeschriebenes Blatt.

Die Möglichkeit der erblichen Weitergabe von Eigenschaften oder Verhaltensweisen, die sich ein Individuum in seinem Leben angeeignet hat, galt fast das ganze 20. Jahrhundert als widerlegt. Wenn ich Klavierspielen lerne, dann heißt das nicht, dass mein Kind mit der Fähigkeit Klavier zu spielen auf die Welt kommt. So einfach ist es aber nicht. Denn Klavierspielen ist nicht überlebensnotwendig. Sobald existenziell bedrohliche Erfahrungen gemacht werden, zeichnen sich in unseren Genen Veränderungen ab, die durchaus weiter vererbt werden können – gleichsam als genetisch verankerte Warnung, oder einfach ausgedrückt: als Intuition!

Mäuse vererben schlechte Erinnerungen

In 2013 sorgte das Ergebnis eines wissenschaftlichen Experiments für Aufsehen unter Biologen und Psychologen. Brian Dias und Kerry Ressler von der Emory University School of Medicine in Atlanta wollten wissen, ob sich erlebte Ängste auf die Nachkommen auswirken.  Sie entwickelten ein Experiment, das Mäuse gleichzeitig einem starken Geruchsstoff (Acetophenon, ein Duft, der an Kirschblüten erinnert) und einem Elektroschock aussetzte. Die Mäuse lernten natürlich sehr schnell, dass der Kirschblüten-Duft Gefahr bedeutete.

Nach dieser Erfahrung bekamen die Mäuse die Möglichkeit, sich zu paaren und Nachkommen zu zeugen. Und obwohl die Mäuse weder während der Trächtigkeit noch danach erneut den Duft-Schock-Erlebnissen ausgesetzt wurden, reagierten die Mäuse der zweiten Generation bei dem Kirschblüten-Duft mit ängstlichem Verhalten. Das gleiche war sogar in der dritten Mäusegeneration beobachtbar. Mit diesen Ergebnissen war belegt, dass sich Angst vererben lässt!

Und damit war die Annahme der seelischen Tabula rasa zum Zeitpunkt der Geburt widerlegt. Es ergaben sich vollkommen neue Ansätze in der Threapie von Phobien, Angststörungen oder posttraumatischen Belastungsstörungen. Dabei waren die Ergebnisse gar nicht so neu!

Iwan Pawlow

Schon vor 100 Jahren hat der berühmte Arzt und Verhaltensforscher Iwan Pawlow behauptet, dass Mäuse bestimmte Erfahrungen vererben können. Er hatte nicht nur Hunde, sondern auch Mäuse darauf konditioniert, das Läuten einer Glocke mit Futter in Zusammenhang zu bringen. Wenn die Glocke läutete, liefen die Mäuse schnell zu einem bestimmten Futterplatz. Pawlow zählte, wie viele Versuche die Mäuse brauchten, bis sie bei jedem Glockenläuten zuverlässig zum Futterplatz rannten und kam auf 300 Wiederholungen.

Dann konnte er eine erstaunliche Beobachtung machen: Die direkten Nachkommen der Versuchsmäuse lernten schon nach 100 Versuchen, sich auf die Glocke zu verlassen. Die Enkel benötigten nur noch 30 Wiederholungen und die Urenkel schließlich mussten mit nur noch mit 10 Versuchen gleichsam daran erinnert werden, dass die Glocke Futter ankündigte.

Genetische Entwicklungsprozesse

Im Anschluss an die Experimente mit den "Kirschduft-Mäusen" fanden die Wissenschaftler auch messbare biologische Veränderungen bei den Versuchstieren. Sie konnten Abweichungen in den betreffenden Hirnarealen für geruchliche Wahrnehmungen feststellen. Außerdem fanden sie an einem Gen im Sperma der Versuchsmäuse epigenetische Veränderungen.

Traumaforschung

Aufmerksame Psychologen fanden in diesen Forschungsergebnissen neue Erklärungs- und Therapieansätze für Neurosen, insbesondere Angstneurosen, Phobien und posttraumatische Belastungsstörungen. Es war jetzt wissenschaftlich belegt, dass besonders schlimme Erlebnisse ihre Schatten auf die nachfolgenden Generationen werfen können. Das Fatale daran ist, dass es den Kindern und Kindeskindern der traumatisierten Personen nicht bewusst ist, woher ihre Ängste oder ihr neurotisches Reaktionsmuster stammen.

Nach dem Anschlag vom 11. September untersuchte die Traumaforscherin Rachel Yehuda Menschen, welche die Ereignisse unmittelbar miterlebt hatten. Diejenigen, die dadurch eine posttraumatische Störung davongetragen hatten, zeigten eine besondere Aktivität der für Stressbotenstoffe zuständigen Gene. Bei nicht-traumatisierten Menschen konnte diese Aktivität nicht gefunden werden.

Wissenschaftler, die an diesen Phänomenen weiterforschen, sagen selber, dass sie eigentlich erst an der Oberfläche des Wissens um vererbtes Verhalten kratzen. Es ist zum Beispiel noch vollkommen ungeklärt, ob solche Prozesse auch wieder rückgängig gemacht werden können.

Trotzdem kann man jetzt schon als großen Erfolg verbuchen, dass Kindern und Enkeln von traumatisierten Personen mit ganz neuen und erfolgreicheren Therapieansätzen geholfen werden kann.

Für das deutsche Thema der Traumatisierung aus dem 2. Weltkrieg ergibt sich für uns Folgegenerationen eine neue Perspektive.

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