Rezensionen - Was Leserinnen über Die Zeitzeugin schreiben...:

Spektakulär unspektakulär

„Die Zeitzeugin“ ist ein spektakulär unspektakulärer Roman. Ihn zu lesen ist eine wahre Wohltat.

Die sehr authentische Protagonistin Alwine führt den Leser gekonnt in ihre Welt zwischen den beiden Weltkriegen. Dabei fällt insbesondere der lakonisch-pragmatische Stil der Ich-Erzählerin auf, der oftmals den ganzen betulichen Muff entlarvt, dem besonders die Frauen in dieser Zeit ausgesetzt waren. Ohne moralischen Zeigefinger beschreibt Alwine rückblickend, wie sie diese Geschehnisse, die sich wohl kein jüngerer Leser auch nur im Entferntesten vorstellen kann, nicht nur überlebt, sondern auch auf eine ganz ungewöhnliche und spannende Weise meistert.

Es entfaltet sich eine uneitle Erzählweise, die ruhig und souverän dahinfließt und eine atmosphärisch dichte sowie wahrhaftige Welt aus Alwines Perspektive entstehen lässt. Dabei kommt der Roman ohne emotionalisiertes Gehabe, triefende Psychologisierung und überdramatisierende Wechsel des Geschehens aus, sondern lässt viel Raum für die behutsame Annäherung an die junge Alwine, die mitten im 2.Weltkrieg um alles ringt, was ihr wichtig ist.

Aufgrund der überzeugenden Recherche entsteht eine durch und durch glaubwürdige Geschichte, die einen immer mehr in ihren Bann zieht. Wir erfahren in vielen Details auch, wie es damals insbesondere für die sogenannten kleinen Leute im "Ruhrpott" war, deren Leben durch den 2. Weltkrieg völlig aus den Fugen geriet. Von äußeren und inneren Zerrüttungen heimgesucht, versuchen sie ihr nacktes Leben zu retten.

Alwine geht dabei einen faszinierenden und ungewöhnlichen Weg in ihr neues Leben, über das noch nicht allzuviel verraten werden soll. Welch gute Idee, das Motiv der Erneuerung auf diese Weise zu entfalten. Genau solche Geschichten brauchen wir, um zu verstehen, was die Menschen damals bewogen hat, weiter zu machen inmitten einer grauenvollen Welt.

Die wahren Zeitzeugen sterben langsam aus. Deshalb ist es eine besondere Bereicherung, auf diese Weise auch als Leser quasi selber ein Zeitzeuge zu werden und am Geschehen teilnehmen zu können. An den Ereignissen rund um den 2. Weltkrieg mit all seinen Facetten zwischen Widerstand und Anpassung und besonders der Zeit danach. An dem Leben der Menschen, die inmitten der unvorstellbaren Zerstörung nicht aufgeben und neben der Sicherung ihrer blanken Existenz alle Ressourcen mobilisieren, leben und überleben wollen. An der schlichtweg spannenden Geschichte von Alwine.

Auch ermöglicht der Roman die Identitätsfindung innerhalb der eigenen Biographie. Denn daran teilzuhaben, was Menschen wie Alwine erlebt haben, klärt auch über das Leben und Verhalten der Kriegs- und Nachkriegsgeneration auf, also darüber warum wir eigentlich so geworden sind. Und welches Paket an Erlebnissen, Erfahrungen und vor allem emotionalen Herausforderungen unsere Eltern und Großeltern zu tragen hatten.

Elisabeth W., Oberstufenlehrerin Deutsch und Philosophie

Herzlichen Glückwunsch

Vor wenigen Tagen habe ich „Die Zeitzeugin“ an fast einem Stück durchgelesen. Zu Anfang nahm ich Alwine noch so distanziert wahr, als hätten mir meine Eltern oder Großeltern eine Geschichte von „früher“ erzählt. Aber dann wurde ich unaufhaltsam in die Geschehnisse hineingezogen. Die Zeit zwischen 1930 und 1950 wurde auf einmal so lebendig, als wäre es jetzt und ich mittendrin.

Heute ging ich eine bestimmte Straße entlang und sah vor meinem inneren Auge überall kaputte Häuser. Kalt war mir auch. Ich musste an Alwine und Netti denken, wie sie sich 46/47 den A**** abgefroren haben. Ich musste an meine Mutter denken, die in diesem Winter 10 Jahre alt gewesen ist. Sie hat mir erzählt, wie sie einmal zwischen zwei Frauen durchgeschlüpft ist, die sich um das letzte Brot gestritten haben, und wie sie es so ergattern konnte.

Ich bin bestimmt nicht die einzige aus unserer Generation, die mit halben Wahrheiten abgespeist wurde, weil es für unsere Eltern dann doch zu schmerzlich war, über diese Zeit zu sprechen oder sie einfach auch vieles verdrängt haben. 'Erzähl uns vom Krieg' war eine häufig gestellte Bitte - auch, als wir alle Geschichten schon längst kannten. Aber wir kannten nur die, in denen Oma, Opa oder Mütter und Tanten gut weg gekommen waren und Mut bewiesen hatten. Von der Angst, der Not, dem moralisch inzwischen fragwürdig gewordenen Handeln hatten sie uns nichts erzählt. Wir schienen zu spüren, dass da noch immer etwas war, das sie uns nicht erzählen wollten oder konnten.

Dieser Roman hat mich sehr bewegt. Meiner Ansicht nach ist er eine wichtige Arbeit zur Zeitgeschichte. Aber er ist auch ein großes Lesevergnügen, denn er ist überaus menschlich, ergreifend und spannend geschrieben und historisch korrekt recherchiert. Bei mir hat dieser Roman Lücken geschlossen und mir einen Teil meiner Wurzeln zurückgegeben. Das ist ein gutes Gefühl.

Ich bin gespannt darauf, wie Alwines Leben weitergehen und welche Erinnerungen und Gefühle das noch in mir auslösen wird. Fühlt sich an, als erlebe ich ein Abenteuer, bei dem ich noch nicht weiß, wie es ausgehen wird, das ich aber um keinen Preis verpassen möchte.

Ulrike Behringer, Musikerin/Gesangslehrerin

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