Die Zeitzeugin - making of

Ich habe nicht die geringste Ahnung, woher ich die Zeit genommen habe, einen ganzen Roman zu schreiben. Mein Tag könnte auch ohne die Schriftstellerei gut und gerne 30 Stunden haben. Aber danach fragt ein Projekt nicht, wenn die Zeit dafür reif ist. Und für Die Zeitzeugin war die Zeit im Frühjahr 2008 reif.

Zeitreise

Schon lange vorher habe ich mich hin und wieder mit dem Gedanken getragen, einmal einen richtig langen Roman zu schreiben. Am liebsten irgendetwas mit Zeitreisen. Aber mir fehlte die zündende Idee.

Anfang 2008 habe ich die derzeit so angesagten Teenie-Vampirromane gelesen und war hauptsächlich davon fasziniert, wie Unsterbliche es schaffen, in einer normalen Gesellschaft nicht aufzufallen. Welche Möglichkeiten und Verwicklungen ergeben sich aus einer extrem langen Lebenszeit?

Unsterblichkeit

Langsam keimte in mir eine Romanidee, wenn auch noch immer nicht der Anfang von Die Zeitzeugin.  Meine Idee war, eine weibliche Protagonistin nicht altern zu lassen. Zunächst wollte ich die Geschichte ins 18. Jahrhundert legen, denn bei Unsterblichkeit muss ja Luft nach oben bleiben und ich wollte keinen Zukunftsroman schreiben. Ich begann zu recherchieren und merkte bald, dass hier etwas nicht zu mir passte. Das 18. Jahrhundert war so weit von meiner eigenen Erlebniswelt entfernt, dass ich mich nicht wirklich in diese Zeit hineinfühlen konnte. Recherche allein reicht nicht, wenn man kein Gefühl für eine Epoche oder eine Umgebung hat.

Familiengeschichte

Was dann wirklich den Knopf gedrückt hat, Alwine Katharina Müller biografische Teile meiner Familiengeschichte erleben zu lassen, waren meine uralten Tagebücher, die ich beim Aufräumen unseres Kellers in einer großen Pappkiste fand. Die Hälfte der Bücher war so stark angeschimmelt und von Mäusen zerfressen, dass ich sie verbrennen musste. Die jüngeren Bücher – dicke, gebundene Kladden aus den achtziger Jahren - waren jedoch noch einigermaßen intakt. Auch sie hatten Schimmel und stanken, aber sie waren noch lesbar und eingeklebte Fotos ganz gut erhalten. Ich trocknete sie in der Sonne und blätterte natürlich hier und da. Dabei stieß ich auf so schöne, witzige und interessante Passagen, dass ich es schade fand,die einfach so in Vergessenheit geraten zu lassen. Aber meine Teenager-Tagebücher wollte ich niemandem zugänglich machen. Sie waren nicht wirklich gut. Sie enthielten jedoch Fragmente, die so wahr und so typisch für ihre Zeit waren, dass ich anfing zu überlegen. Vielleicht war ja hier meine unsterbliche Protagonistin zu finden.

Zeitschiene

Der Rest des Grundgerüstes von Die Zeitzeugin wuchs innerhalb weniger Stunden. Ich wusste genau, dass ich jetzt meinen Romanstoff hatte. Ich setzte mich noch am selben Abend hin und erstellte mir eine Zeitschiene von 1910 bis 1990. Es war soweit. Es gab kein Zurück mehr. Das musste jetzt geschrieben werden. Ich wusste, dass die Geschichte von nun an ein Eigenleben entwickeln würde, ich musste mich ihr nur einfach hingeben und aufschreiben, was sie mir diktiert.

Protagonisten

Als erstes bekamen die handelnden Personen ihre Namen, die ich Erzählungen meiner Mutter aus ihrer Kindheit entnahm. Ich wollte zeitgemäße Namen verwenden. Henriette war das einzige Überbleibsel aus der Idee, im 18. Jahrhundert anzufangen. Parallel zu diesen Überlegungen entstand die Idee, als roten Faden durch meine Geschichte, mehrere Frauenbeziehungen zu verwenden.

Frei erfunden

Dabei muss ich betonen, dass alle Hauptpersonen in Die Zeitzeugin völlig frei erfunden sind und keine an eine real existierende oder bereits verstorbene Person angepasst ist. Einige Personen, wie zum Beispiel Alwines Mutter, sind komplett aus der Luft gegriffen. Andere folgten schon zu einem größeren Teil einer wahren Biografie. Die meiste Ähnlichkeit zwischen Wirklichkeit und Dichtung besteht bei Winfried Müller, dessen biografische Schwerpunkte und viele Alltagsanekdoten bei meinem Großvater Carl Jarhofer entliehen sind. Carl war ein leidenschaftlicher Kolpingbruder, Mitbegründer und zeitweise Vorsitzender des Kolpingvereins Essen Holsterhausen und er kam erst 1949 aus der Gefangenschaft zurück.  Aber der Charakter von Winfried entspricht nur ganz rudimentär der Persönlichkeit meines Großvaters. Ich habe eigentlich nur aus einem riesigen Haufen Anekdoten und Erinnerungen neue Biografien zusammengepuzzelt. Viele in der Familie überlieferte Begebenheiten habe ich in einen ganz neuen Kontext gesetzt.

Im Sommer 2008 schrieb ich innerhalb weniger Wochen die ersten 60 Seiten, die schon Teile aus den 80ern enthielten. Das Springen zwischen den Achtzigern und dem beginnenden 20. Jahrhundert ließ sich aber nicht dauerhaft fortsetzen. Ich merkte bald, dass ich das Buch unbedingt chronologisch schreiben musste, um nicht aus dem Kontext zu geraten.

Zweiter Weltkrieg

Als ich im 2. Weltkrieg angekommen war, stockte die Erzählung. Einerseits hat mich mein reales Leben zu dieser Zeit sehr in Anspruch genommen und andererseits kam ich auch inhaltlich nicht so richtig weiter. Mir fehlten jede Menge Informationen. Selbst das so zuverlässige Internet spuckte mir zum Nationalsozialismus, außer trockener Daten und grauenhafter schwarzweiß-Schocks,  fast nichts über das alltägliche Erleben der Menschen aus. Und man kann zwar eine Handlung erfinden, oder sie sich selbst erfinden lassen, aber diese Handlung kann nur leben, wenn sie in einen glaubwürdigen Kontext eingebettet ist. Und über diesen Kontext wusste ich zu wenig.

Recherche

Von wo nach wo fuhren vor 1933 in Essen Straßenbahnen? Hießen damals die Straßen schon alle genauso wie heute? Wie badeten Menschen eigentlich früher? Wie wuschen sie ihre Wäsche? Was für Kleidung war modern? - Unbemerkte Anachronismen waren eine meiner größten Sorgen. Mir war vorher schon bewusst  gewesen, dass ich Jahre benötigen würde, meinen Roman zu schreiben. Jetzt wurde mir klar, dass ich nicht einfach nur schreiben und hier und da mal was im Internet nachgucken musste. Ich musste recherchieren. Und zwar sorgfältig.

Holsterhausen

Ich fing an, nach Büchern zu meinem Thema zu suchen. Es war unerwartet schwierig. Zwar fand ich viele Veröffentlichungen über das so genannte Dritte Reich, aber ich suchte Bücher, die das Alltagsgeschehen ganz normaler Leute beschreiben. Leute, die keine Juden, keine erklärten Linken und keine überzeugten Nazis waren. Leute halt, Nachbarn, Holsterhausener. Denn in Essen Holsterhausen sollte meine Geschichte beginnen und immer wieder dorthin zurückkehren. In Holsterhausen ist meine Mutter aufgewachsen und dort habe auch ich viele Jahre gelebt.

Kriegsalltag

Ursprünglich hatte ich gar nicht vor, großartig auf den zweiten Weltkrieg einzugehen. Aber das stellte sich als lächerlich heraus. Es ist völlig unmöglich, Personen im Ruhrgebiet zwischen 1933 und 1945 leben zu lassen und die Geschehnisse dieser Zeit nur mal eben so zu streifen. Daran habe ich lange gekaut, bis ich mich entschloss, wenn, dann richtig in diese Zeit einzusteigen. Aber ich scheiterte, trotz aller Bücher, am Alltag. Wie wohnte man? Wie war das mit der Zerstörung durch die Bomben? Woher bekamen die Leute die Lebensmittelmarken? Wie muss man sich eine Hamsterfahrt vorstellen?

Zeitzeugen

Im November 2008 machte ich dann einen entscheidenden Schritt. Ich fing an, auf direktem Wege über Kontaktaufnahmen zu recherchieren. Das erste war, meine Mutter anzurufen. Eigentlich hatte ich das vermeiden wollen. Jemanden über die Kriegs-  und Nachkriegszeit zu befragen, bedeutet ja auch immer, sich mit traumatischen Erinnerungen zu befassen. Aber niemand sonst konnte mir all die echten, wahren Holsterhausener Details so gut beschreiben, wie meine Mutter, die mitten im Krieg geboren wurde und ab 1945 in der Keplerstraße 8 gewohnt hat. Die Informationen von ihr waren für meinen Roman bahnbrechend. Sie schmissen die meisten Erzählstränge um und ergänzten die Geschichte um aberhunderte Details.

Historisch korrekt

Jetzt prallte die „künstlerische Freiheit“  auf harte Widerstände. Meine Mutter setzte sich zum Beispiel vehement gegen den Entwurf zur Wehr, dass es im Innenhof des Häuserblocks eine Schreinerei gegeben haben sollte. Nein, da wäre für so etwas kein Platz gewesen und außerdem waren das Krupp-Häuser, reine Wohnhäuser ohne Gewerbe. Sie hatte Recht. Wieso sollten selbständige Tischler zwei Wohnungen in einem Krupp-Haus bekommen? Ich änderte also alles ab und ließ August und Winfried als Schreinergesellen im Kruppschen Wohnungsbau arbeiten, anstatt ihnen eine eigene Schreinerei in Holsterhausen zu geben.

Mode

Ich stellte erstaunt fest, dass auch unbewusste Gesten und Körperhaltungen der Mode unterliegen. An einer Stelle ließ ich August, mit dem Fußknöchel auf das andere Knie gestützt, auf einem Stuhl sitzen. Meine Mutter sagte, dass sich damals niemand so hingesetzt hätte. Das gab es nicht, das wäre schlechtes Benehmen gewesen. Dafür war es aber Mode, dass Männer ihre Zigaretten in Daumen und Mittelfinger hielten und dabei das innere des Handgelenks leicht nach oben zeigte. Mein Großvater hatte seine Zigaretten so gehalten, daran erinnere ich mich gut. Aber ich hatte es für eine Art individuelle Marotte gehalten, bis ich auf einer ganzen Reihe von historischen Fotos Männer sah, die ihre Zigarette genauso hielten.

Historische Dokumente

Wir fanden immer mehr Unstimmigkeiten in meiner bisherigen Geschichte und ich kam mir ziemlich blauäugig vor. Ich musste noch mehr recherchieren. Meine Mutter schickte mir die erhaltenen Briefe, welche mein Großvater aus Russland geschrieben hat. Dazu ein sehr altes Buch über den Kolpingverein. Die Fragmente über die Kolpingfamilie halfen mir sehr, ein gesellschaftliches Umfeld um August, Netti, Winfried und Alwine zu bauen, die bis dato in meinem Roman fast in einem gesellschaftlich luftleeren Raum gelebt hatten.

Offizielle Archive

Jetzt fing ich an, mich quasi mit meinem Projekt zu outen und mailte Archive und Institutionen als Informationsquellen an. Das Gemeindebüro der Mariä Empfängnis-Kirche war so nett, mir eine Jubiläumsschrift zu schicken. Ich suchte nach Fotos der Kirche vor und nach der Bombardierung und vor allem nach dem genauen Zeitpunkt der Zerstörung. Dann schrieb ich an die Alte Synagoge Essen weil mir jegliche Informationen darüber fehlten, ob es in Holsterhausen jüdische Geschäfte oder Betriebe, Ärzte oder Notare gegeben hatte. Darüber haben meine Großeltern nie auch nur ein Wort verloren. Ein schauriges Gefühl, zu realisieren, dass da selbst von der eigenen Verwandtschaft Dinge konsequent verschwiegen wurden.

Alte Synagoge Essen

Die Synagoge antwortete sehr nett und versprach, mir eine Kopie des „Verzeichnis nichtarischer Betriebe in Essen“ zu schicken. In diesem Verzeichnis fand ich den Geburtshelfer Dr. Haase, der damals in der Cranachstraße wohnte und der in meiner Erzählung Nettis Sohn Anton auf die Welt hilft. Es gab auch eine jüdische Fleischgroßhandlung in Holsterhausen an der Kahrstraße, aber ich konnte nicht genügend Details darüber herausfinden, um sie sinnvoll in meinen Roman einzubauen.

Kolpingverein Essen

Ich nahm Kontakt zum immer noch aktiven Kolpingverein der Mariä Empfängnis-Gemeinde auf und hoffte, als Enkelin eines der Gründungsmitglieder, Informationen, insbesondere über das Sommerhaus im Mühlbachtal, zu bekommen. Eine äußerst abweisende und sehr kurz angebundene Mailantwort enttäuschte mich zutiefst. Die Zentrale des Kolpingvereins in Essen antwortete mir gar nicht. Dafür erhielt ich aber ganz unerwartet umfangreiche Unterstützung vom historischen Archiv Krupp.

Fundstücke

Und so sammelte ich im Herbst 2008 ganze Stapel von Büchern, Festschriften, Jahrbüchern und Fotobänden. Manchmal musste ich mich durch dicke Bücher arbeiten, um nur einen einzigen Hinweis zu finden, der mir weiter half. Ich stellte fest, dass Ebay nicht nur ein Handelsmarkt ist, sondern auch eine hervorragende Quelle. Ich fand dort Fotos von originalen Uniformen der HJ, dem Volksempfänger und der Volksgasmaske. Zunächst wuchs meine Erzählung also nicht, sondern sie veränderte sich erst einmal rückwirkend. Und das auch immer nur an wenigen Stunden an Wochenenden. Mehr Zeit konnte ich einfach nicht erübrigen.

Essener Verkehrs AG

Ab Februar 2009 verselbständigte sich meine Geschichte. Sie geisterte durch meine Gedanken, überfiel mich hier und da mitten im Alltag und spann sich weiter fort. Es machte mich rasend, dass ich wegen fehlender historischer Details nicht weiter kam. Eigentlich hätte ich jetzt mal dringend wissen müssen, welche Straßenbahnlinien es vor dem 2. Weltkrieg in Essen gegeben hat. Die Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit der Essener Verkehrs AG ließ auf eine Antwort auf mein freundliches Mail warten. Ich hatte inwzischen schon gelernt, dass ich mit offiziellen Stellen Geduld haben musste. Die Menschen dort hatten ja auch sicher dringenderes zu tun, als Rechercheanfragen einer unbekannten Schreiberin zu beantworten. Aber das Warten fiel mir schwer. Das Problem war, dass ich nicht mehr in Essen wohnte und nicht mal schnell die Stadtbibliothek durchstöbern, oder persönlich bei der EVAG oder den Kolpingbrüdern vorstellig werden konnte. Gut, das ging jetzt halt nicht.

Dramatik

Ab und zu machte meine Geschichte Ausflüge in die Achtziger. Einzelne Szenen wollten geschrieben werden. Ich hatte zu Weihnachten einen mp3-Player geschenkt bekommen und schrieb oft zu den Klängen von Chillout-Musik. Alwine und Henriette waren über unzählige Stunden des Schreibens in meinem Unterbewusstsein fest mit den wunderbaren Liedern von Katie Meluas erstem Album verankert. Die Musik trug meine niedergeschriebenen Szenen derart, dass ich sie hinterher las wie eine Fremde und mich nicht mehr von der Stimmung der Szene lösen mochte. Anne und Clarissa begegneten sich und ich schaffte es, diese Mischung aus Tiefe und Abstand, Sehnsucht und Kälte niederzuschreiben. Es schauderte mich beim Lesen und ich fragte mich, ob ich anstatt eines Romans ein Drama schrieb. Es musste doch auch mal etwas Schönes passieren. Etwas Unbeschwertes.

Traumaforschung

Ich musste mich mit Traumaforschung auseinandersetzen. Was wird aus einem Menschen, der als junger Erwachsener sechs Jahren Todesangst ausgesetzt war? Je mehr ich mich in die Literatur über den Nationalsozialismus grub, desto unfassbarer wurde für mich das Leben zu dieser Zeit. Wie kann man einen ganzen Winter mit leerem Magen und ohne Heizung überleben? Wie kann man schlafen, wenn man morgens erwacht und der eigene Atem Schnee auf das Kopfkissen gehäuft hat? Wie fühlt es sich an, wenn die eigene Stadt, die eigene Straße von Besatzungsmächten übernommen wird? Aber vor allem: Was machen die Bombennächte im Keller mit einer Menschenseele? Im sonntäglichen TV-Tatort werden Menschen psychologisch betreut, die zufällig beim Spazierengehen eine Leiche gefunden haben. Was machen Menschen, die morgens aus dem Keller steigen, ihre Straße in Schutt und Asche finden und über die Leichen ihrer Nachbarn steigen müssen? Die hat niemand psychologisch betreut. Das kann ja nicht spurlos an unseren Großmüttern und Großvätern vorbei gegangen sein. Was wünscht sich ein Mensch, der das hinter sich hat? Schneeweiße Tischdecken, Sonntagsbraten und Rudi Carrell? Was für eine Provokation muss für diese Generation im Linienbus ein No-Future-Teenie mit Sicherheitsnadel durch die Backe gewesen sein?

Straßenbahnlinien in Essen

Im März 2009 bekam ich tatsächlich ein Mail von der Verkehrshistorischen Arbeitsgemeinschaft der EVAG (Essener Verkehrs AG): „Im Jahr 1930 war Holsterhausen auf drei Strecken erschlossen (die Strecken der heutigen Linien 106, U17 und U18), von Frintrop kommend konnte man an der Helenenstraße in Alterndorf (über Berzeliusplatz) oder in der Innenstadt nach Holsterhausen umsteigen.“ Das hätte ich jetzt nicht gedacht. Ich hatte immer so die Phantasie, dass damals alles anders gewesen sein muss. Ich bin tausend Mal mit diesen drei Linien gefahren und staunte, dass es genau dieselben Strecken waren wie vor 80 Jahren. Jedenfalls war ich froh, dass ich jetzt endlich genauer schreiben konnte, wie Alwine zu Nettis Hochzeit fährt und fortan jedes Wochenende zwischen Frintrop und Holsterhausen pendelt. Ein riesiger Fortschritt.

Kollektives Trauma

Dann bekam ich eine sehr erstaunliche, aber auch nachvollziehbare Antwort auf meine Fragen zur Traumaverarbeitung. In dem Buch „Eine Frau in Berlin“, das die ersten Tage nach dem Einmarsch der Russen in die Hauptstadt beschreibt, denkt auch die Autorin über diese Frage nach. Allerdings umgekehrt. Sie fragt sich, warum die vielfach von den Russen vergewaltigten Frauen nicht verrückt geworden sind. Ihre Erklärung dafür ist simpel: Weil es so gut wie allen passiert ist! Die Frauen konnten ihr Trauma teilen, das Trauma der Bombennächte, des Hungers, der Angst und der Vergewaltigungen. Jede hatte es erlebt. Natürlich! Es macht die Erlebnisse nicht weniger schlimm, aber Zusammenhalt, Beistand und gemeinsames Durchhalten helfen dabei, weiter zu leben. Keine der Frauen war mit ihren Erlebnissen ausgegrenzt. Ich hangelte mich von Antwort zu Antwort.

Briefe aus Russland

Und dann passierte es mir, dass ich keine Antworten bekam, wo ich eigentlich ganz sicher gewesen war, welche zu finden. Meine Mutter hatte mir einen dicken A5-Umschlag mit den Briefen geschickt, die ihr Vater, mein Opa, aus russischer Gefangenschaft geschrieben hat. Ich habe mir viel Zeit genommen, bis ich die Briefe auspackte und nach Daten sortierte. Ehrfürchtig hielt ich diese originalen Dokumente in den Händen und machte mir bewusst, dass genau dieses gelbliche Papier vor langer Zeit, irgendwo im tiefsten Russland (genau genomen im Donezbecken, wie ich später herausfand), von einem wahrscheinlich verzweifelten Kriegsgefangenen beschrieben worden war. Ich war so ungeheuer gespannt darauf, was mein Großvater über seine Erlebnisse in Russland berichtete.

Zensierte Briefe

Ich wurde enttäuscht. Es stand nichts darüber in den Briefen. Gar nichts. Die Zeilen waren weitgehend inhaltsleer oder durch dicke, schwarze Striche zensiert. Offenbar durften die Gefangenen nichts, nicht ein Wort darüber schreiben, wo sie waren, wie sie lebten, wer noch da war und was sie arbeiteten. Es muss meine Großmutter schier verrückt gemacht haben, jahrelang nichts Wirkliches über ihren Mann erfahren zu haben. Wie frustrierend! Anscheinend durfte aber aus Deutschland wesentlich mehr über die Umstände geschrieben werden. Das zeigte sich in Teilen der Antworten meines Opas. Er wusste, dass die Menschen in Essen hungerten und dass später seine älteste Tochter eine Weile nach einer Lehrstelle suchte. Leider, leider sind die Briefe meiner Oma nach Russland nicht erhalten.

Posttraumatische Belastungsstörung

Erst im Winter 2009/2010 fand ich wieder die Muße, mein Romanprojekt weiter zu bearbeiten. Die Geschichte von Alwine und Henriette war über den Sommer und Herbst stecken geblieben. Irgendetwas stimmte nicht. Ich hatte Netti nach dem Vorfall mit den britischen Soldaten krank werden und dann ihr Kind in den Holsterhauser Krankenanstalten entbinden lassen. Sie ist dann ohne den Säugling einfach aus der Klinik verschwunden und hat das Kind zurückgelassen. Erst einmal musste ich mich sehr viel mit posttraumatischen Belastungsstörungen befassen, um die neurotische Haltung von Netti stimmig zu gestalten. Und dann schaute ich noch einmal die Bücher über Essen und den Wiederaufbau durch und entdeckte, dass die Essener Krankenanstalten 1947 längst noch nicht wieder in Betrieb genommen worden waren. So lösten sich Gestalten, wie eine Stationsschwester und eine Säuglingsschwester, wieder in Rauch auf und ich ließ Netti auf gänzlich ungeklärte Weise verschwinden.

Schreibblockade

Diese Änderung beendete eine monatelange Schreibblockade und es entstanden die ungestillte Romanze mit Werner und Ansätze der ersten Wiederbegegnung mit Anton. Zweiteres erschien mir aber so unwahrscheinlich und aufgesetzt romantisch wie in einer Traumschiff-Folge.  Ich deponierte diesen Teil vorerst in einer abgelegenen geistigen Schublade.

Appelhülsen

Ab Januar 2010 gab es ein neu renoviertes Zimmer in unserem Haus, das mir sehr gemütlichen Rückzug bot und das hat meinen Roman wieder in Fluss gebracht. An Wochenenden, wenn ich lange mit den Hunden in der eisigen Schneelandschaft unterwegs gewesen war, saß ich mit einem guten Rotwein am Ofen und hörte Katie Melua, die mittlerweile für mich untrennbar mit dem ersten Teil von Die Zeitzeugin verbunden war. Ich hatte ein Buch gefunden, in dem das Landleben der letzten 200 Jahre hier in Westfalen sehr alltagsbezogen beschrieben ist und konnte endlich Nettis Zeit in Appelhülsen mit vielen historisch korrekten Details versehen. Auch wurde jetzt klarer, warum Netti es dort nicht mehr aushalten konnte und so lange im zerbombten Essen blieb. Es zeigten sich in der Appelhülsen-Geschichte schon erste Ahnungen von der eigentlichen Labilität von Netti.

Kriegsheimkehrer

Die Geschichte von Nettis neuerlichem Verschwinden aus Alwines Leben war jetzt auch in realistischeren Bahnen. Werner hatte wesentlich mehr Raum bekommen und avancierte zu einem der Hauptprotagonisten auch für den 2. Teil des Romans. Winfried kehrte aus Russland zurück und als ich die Szene schrieb, wo er Alwine ohrfeigt, war ich derart berührt von den Geschehnissen, dass mir am Laptop selber die Tränen kamen.

Show – don’t tell

Immer wenn mir einzelne Stellen nicht so richtig gefielen, wenn da irgendetwas nicht stimmte, dann löschte ich letztendlich Sätze und Redewendungen, die den Lesern vorkauten, was sie zu fühlen hatten. Ich mag es nicht, wenn ich detailliert beschreibe, wie sich meine Protagonisten fühlen. Es ist doch völlig klar, wie sie sich fühlen, wenn man die Situation wirklich gut beschreibt. Warum soll ich meinen Lesern das auch noch in Worte fassen? Alwine war so traurig, oder Netti fühlte sich um ihr Leben betrogen. Die Menschen können doch selber fühlen!

Synapsen

Im April 2010 schien ich wieder eine Schreibblockade zu haben. Aber inzwischen wusste ich, dass solche Phasen zu dem Entstehungsprozess weiterer Entwicklungen gehören. Jedenfalls war bisher nur ansatzweise erzählerisch entstanden, wie es mit Alwine in die 50er Jahre geht. Ich brauchte noch Zeit. Mein Roman war mehr und mehr ein lebender Organismus geworden und die Erzählstränge mussten sich wie die Synapsen von Nerven verschalten. Seit ich aber wieder regelmäßig an der Geschichte weiterarbeitete, hatten sich noch andere Entwicklungen ergeben. Die nette Frau von der Alten Synagoge Essen hatte sich nach genau einem Jahr tatsächlich wieder per Mail gemeldet. Ich habe mich so gefreut!

Erinnerungspflege

Zwei Tage später traf ein Paket für mich ein. Darin zwei nagelneue Bücher. Einmal der Ausstellungskatalog der Ausstellung „Stationen Jüdischen Lebens“ und Hermann Schröters „Geschichte und Schicksal der Essener Juden“. Wow! Umgehend bestellte ich für die Absenderin ein großes Potpourri Bio-Schokolade in Geschenkverpackung. Erst als ich die Bestellung mit dem Gruß „Tausend Dank“ abgeschickt hatte, fragte ich mich, ob die Gute womöglich selber jüdischen Glaubens ist und nur koschere Lebensmittel zu sich nimmt. Ich merkte einmal mehr, wie vollkommen ungebildet ich in dieser Hinsicht war. Ich habe keine Ahnung, ob wirklich alle gläubigen Juden koscher leben oder ob das so ist wie bei den Christen mit der Fastenzeit. Na, ich hoffte, meine Geste würde so oder so richtig verstanden werden.

Stadtarchiv Essen

Eine Anfrage im Stadtarchiv war dann wieder irgendwie frustrierend. Ich wollte schon vor einem Jahr gerne wissen, ob die Adresse des Milchgeschäfts in der Nähe der Synagoge noch zu ermitteln ist. Dort ist nach 33 eine wahre Geschichte mit meiner Großmutter und einer jungen Jüdin passiert, die ich in meinem Roman verwendet habe. Es wäre zu schön, wenn ich wüsste, wo genau dieses Milchgeschäft gewesen ist. Die Synagoge riet mir, mich ans Stadtarchiv zu wenden. In 2009 sind die aber umgezogen und konnten mir nicht antworten. Im April 2010 machte ich einen zweiten Versuch. Ich wurde davon unterrichtet, dass Recherchen pro Stunde 18 Euro kosten, die auch gezahlt werden müssen, wenn die Recherche keinen Erfolg hat. Das mit den 18 Euro finde ich völlig in Ordnung, aber für mich war das Risiko zu groß, dass womöglich jemand drei Tage erfolglos sucht und ich eine Riesenrechnung dafür bekommen würde. Ich ärgerte mich, dass ich nicht selber im Stadtarchiv suchen konnte, weil ich viel zu weit von Essen entfernt wohne. Okay, dann eben keine genaue Adresse des Milchgeschäfts.

Historische Begebenheiten

Und die zwei Bücher von der Synagoge waren schon wieder ein unschätzbarer Fundus. In dem Ausstellungskatalog fand ich eine detaillierte Schilderung des Novemberpogroms an der Synagoge Essen von Miriam Hahn-Crohn. Danke liebe Frau Hahn-Crohn! Auch das jüdische Kaufhaus Blum wird dank des Buches von Hermann Schröter in meiner Geschichte einen Platz finden. Und so kommt es, dass die Geschehnisse um die Essener Juden in meinem Roman wesentlich geschichtstreuer und detaillierter abgebildet sind, als zum Beispiel die Aktivitäten des Kolpingvereins.

Expertin für historische Details

Es begann die Zeit, in der ich anderen damit auf die Nerven ging, dass ich in nahezu jedem Film über den Nationalsozialismus und die Nachkriegszeit Fehler fand. Erstaunt stellte ich fest, dass ich zur Expertin für das Alltagsleben in den 30er bis 50er Jahren geworden war. Ich sah deutsche Fernsehproduktionen, in denen schon 1939 Judensterne getragen wurden (in Deutschland wurde das Tragen des Judensterns erst ab September 1941 angeordnet). In einem sehr populären amerikanischen Kriegsfilm trug ein „Fraulein“ bei der Besetzung Deutschlands ein Fähnchen von Sommerkleid, das eine Handbreit über dem Knie endete. Keine Frau in Deutschland hätte damals ein so kurzes Kleid getragen! So etwas gab es überhaupt nicht.

50er Jahre

Als ich in meiner Erzählung endlich den Krieg und die Hungerjahre hinter mir gelassen hatte, fühlte ich mich auch selber befreit und hoffnungsvoll. Endlich konnte ich wieder weniger schreckliche Dinge recherchieren. So zum Beispiel die Mode um 1950. Ich fragte meiner Mutter, ihres Zeichens Schneiderin, Löcher in den Bauch und blätterte mich durch unzählige Seiten im Internet. Meine Mutter schickte mir ihr Berichtsheft aus der Schneiderlehre, das sie als 17jährige geschrieben und gezeichnet hatte. Ich reichte es umgehend an Alwine weiter. Beziehungsweise erst natürlich an Werner. Seine Rolle war inzwischen unersetzlich geworden. Wie soll eine Person, die nicht altert, ohne einen Fälscher zurechtkommen?

Grundstück in Essen

Dann stand ich wieder vor einer Hürde. Alwine musste jetzt zu Geld kommen. Wer besonders lange lebt, der hat auch besondere Möglichkeiten, sein Vermögen zu vermehren. Außerdem wollte ich, dass Alwine zukünftig keine finanziellen Probleme haben sollte. Das würde der gesamten Geschichte mehr Möglichkeiten einräumen. Ich tat in meinem Bekanntenkreis einen Banker auf und erzählte ihm von meinem Romanprojekt. Ich stellte ihm die Frage, wie eine ganz normale Frau in der Nachkriegszeit den Grundstein für ein großes Vermögen legen könnte. Der gute Mann las mein bis dahin bestehendes Manuskript und bastelte mir eine wunderbare und vor allem vollkommen realistische Geschichte zusammen. Angelehnt an Madeleine Schickedanz und das Quelle-Versandhaus, gemischt mit den überaus erfolgreichen Burda-Schnittmustern der 60er Jahre, entstand Alwines Beteiligung an Dalena-Moden. Grundlage für die Beteiligung an diesem Unternehmen war das Frintroper Grundstück von Alwines Eltern. Es stimmen sogar die Quadratmeterpreise für Essener Grundstücke in der Nachkriegszeit. So weit war ich schon gekommen! Mein Romanskript hatte inzwischen knapp 300 Seiten.

„Wälzer“ oder Trilogie?

Ursprünglich hatte ich nicht vor, eine Trilogie zu schreiben. Ich selber liebe sehr dicke Bücher. Aber als ich so langsam an eine Veröffentlichung dachte, wurde mir klar, dass ich als Neuling mit einem 900-Seiten-Schinken nirgends würde landen können. Deshalb fand ich die Strategie besser, erst einmal einen kürzeren Roman zu schreiben, der dann quasi nach einer Fortsetzung schreit.

Cliffhanger

Mit dem Überwinden der Nachkriegszeit, dem wirtschaftlichen Wiederaufschwung in Deutschland und der aufkeimenden Beziehung zu Anton fand ich mein perfektes Ende für den ersten Teil von Die Zeitzeugin. Hier will eigentlich jeder wissen, wie es mit Alwine weiter geht. Denn die interessanten und abenteuerlichen Details einer Person, die nicht altert und deshalb ihre Identität wechselt, werden erst im letzten Drittel des Romans so richtig deutlich.

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