Wurzeln...

Das älteste Dokument über meine Vorfahren: Ein offizielles Foto, aufgenommen in den Kruppwerken. Einer der Arbeiter auf der linken Seite ist polnischer Einwanderer und mein Ur-Urgroßvater.
August 1912: Kaiser Wilhelm II. besucht die Essener Krupp-Werke anlässlich der Hundertjahrfeierlichkeiten. Am 9. August stand u.a. eine Besichtigung der Werksanlagen am Programm. Im Panzerplattenwalzwerk walzte man für den Gast die zehntausendste Panzerplatte als „Barbetturmplatte von 53 t Gewicht“. Vermutlich entstand diese Aufnahme zur Erinnerung an dieses besondere Ereignis.

Claudia Mandorf

60er Jahre

Als waschechtes Ruhrpott-Arbeiterkind wurde ich im Juli 1965 im Klinikum Essen geboren.

Schon als Kindergartenkind muss ich eine blühende Phantasie gehabt und zu allen Gelegenheiten irgendwelche Geschichten erfunden haben - jedenfalls wenn es nach dem geht, was meine Kindergarten“tanten“ berichtet haben.

70er Jahre

Als Schulkind schrieb ich Briefe aus Freizeiten und Kinderferien, die bei Onkel, Tante, Oma und Opa die Runde machten, weil „das Kind so schön schreiben kann“. Mein Satz „die Berge schauen zum Fenster herein“ wurde in der Verwandtschaft legendär, obwohl ich den, glaube ich, beim Doppelten Lottchen geklaut hatte.

Den ersten Versuch, einen Roman zu schreiben, startete ich mit neun Jahren zusammen mit meiner Freundin Susi. Die große Schwester von Susi verschlang die ersten beiden Kapitel und verlangte nach mehr. Dazu kam es aber nicht. Etwas anderes wurde wichtiger: der Turnverein. Susi konnte nämlich viel besser turnen als Romane schreiben und überredete mich, auch in den Turnverein einzutreten, wo ich aber nicht so rasend erfolgreich war.

Ich war ein Bücherkind. Lesen war für mich das Allergrößte und meine Mutter unterstützte mich darin, indem sie mich zu jedem Geburtstag und Weihnachten mit neuem Lesestoff versorgte. Während der Grundschule las ich mich durch die gesamte Kinderabteilung unserer Pfarrbücherei St. Ludgerus in Essen Rüttenscheid. Mein absoluter Favorit war Ottfried Preußler, dessen Bücher ich alle mehrmals las. Aber auch Erich Kästner, die Abenteuerreihe von Enid Blyton, sämtliche Urmel-Bände und die Drei Fragezeichen von Hitchcock habe ich verschlungen. Sehr fasziniert war ich von „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“.

Als ich ungefähr zwölf war, fing ich an, mich durch die Belletristik meiner Mutter zu arbeiten (mein Vater las nichts, außer vielleicht den Sportteil der Zeitung). Die Bücher von Gwen Bristow haben mich sehr geprägt. Ich las alle Bände mindestens drei Mal. Ich versuchte mich an Simmel, fand ihn aber angeberisch und legte ihn wieder weg. „Ein Tropfen Zeit“ von Daphne du Maurier ließ mich meine bis heute bestehende Vorliebe für Zeitreiseromane entdecken. Tucholsky fand ich absolut unlesbar.

Ähnlich halbtrivial hat sich mein Leseinteresse fortgesetzt. Im Deutschunterricht hatte ich von Anfang bis Ende meiner Schulzeit eine zwei. Für die Eins war ich wahrscheinlich zu stur. Ich hasste Grammatikunterricht weil er mir die Lust am Schreiben nahm. Ich wusste genau, wie man Sätze richtig formuliert, aber ich konnte nicht erklären, warum. Und trotzdem schrieb ich immer die Aufsätze, die als gutes Beispiel vor der Klasse vorgelesen wurden.

80er Jahre

Als wir später anfingen, in der Schule Günter Grass und Thomas Mann zu lesen, wurde es etwas mühsam für mich. Die „gute Literatur“ konnte mich einfach nicht entflammen. Vor den Grass-Geschichten ekelte ich mich regelrecht. Als wir „Katz und Maus“ durchnahmen wurde mir bei der Beschreibung des Adamsapfels schlecht und die Verfilmung der Blechtrommel hatte so viele widerliche Details, dass ich keine weiteren Versuche mehr machte, mich mit diesem Autor zu beschäftigen. Thomas Mann war nervtötend perfekt. Sicher bewunderte ich ihn. So wie ich Jazzmusiker bewunderte. Aber ich fühlte nichts, wenn ich diese perfekten Sätze las. Kafka hat mich eine Weile fasziniert, aber das lag, glaube ich, an meinen pubertären Depressionen.

Was mich an den Büchern, die ich liebte, hin- und mitriss, waren vor allem die Geschichten. Ich wollte beim Lesen in eine Geschichte hineingesogen werden und sie nicht von außen betrachten. Vielleicht war das der Unterschied.

Mit 13 fing ich an Tagebuch zu schreiben und füllte mehrere Regalborde mit handgeschriebenen Kladden, bis ich etwa 24 war. Während dieser Zeit begegnete ich der Geschichte, die für mich immer noch das Buch der Bücher ist: Tolkiens Herr der Ringe. Das ist es, was ich mir unter wahrer Erzählkunst vorstelle. Ein guter Roman ist nur dann ein guter Roman, wenn man diejenigen beneidet, die ihn noch nicht gelesen haben.

90er Jahre

An der Universität erlebte ich die ungeheure Frustration, nur über etwas schreiben zu dürfen, was vorher schon andere geschrieben haben. Alles musste belegt werden. Selber denken war vielleicht am Schluss einer Arbeit mal kurz erlaubt, aber der größte Teil war stumpfe Fleißarbeit. Mein einziger großer Vorteil: Es fiel mir nie schwer, zu formulieren. Wo Kommilitonen nächtelang über ihren Arbeiten brüteten, schrieb ich sie einfach herunter, sobald ich meine Quellen zusammen hatte. Und bei Klausuren konnte ich durch flüssigen Stil so manches mangelnde Wissen wettmachen. Trotzdem war ich eine mittelmäßige Studentin. Ich hatte aber auch mein Fach total verfehlt. Soziologie war genau das, was meinen Talenten am wenigsten entsprach – da half auch Psychologie im Nebenfach nicht weiter. Ich hätte Geschichte oder Medizin studieren sollen. Aber nur mit Fachabitur, in einem der geburtenstärksten Jahrgänge des Jahrhunderts, war ich nicht so albern, überhaupt nur mit diesen Gedanken zu spielen.

Es begann die Zeit, in der ich hier und da Kurzgeschichten für Freunde verfasste, den einen oder anderen Fachartikel schrieb und das Internet für mich entdeckte. Anfang der Neunziger schrieb ich ein Selbsthilfebuch für Menschen mit Angstanfällen, das damals eine Marktlücke traf und von einem renommierten Verlag veröffentlicht wurde. Über 16.000 Exemplare wurden verkauft, das Buch wurde ins Niederländische übersetzt und ich verdiente damit eine ordentliche Summe Geld.

Derselbe Verlag bat mich dann, für ein kleines Geschenkbändchen einige Gedichte zu verfassen. Zehn Gedichte für pauschale 3000 Mark. Ich war unentschlossen. Ich bin keine Vers-Schreiberin. Ich werde nie vergessen, wie ich mit ein paar Freunden im Garten saß und von dem Angebot des Verlags und meinen Zweifeln erzählte. Eine Bekannte von uns sagte voller Unverständnis: „Für dreitausend Mark würde ich meinen Arm bis zum Ellenbogen in Scheiße stecken!“ Das war dann das ausschlaggebende Argument und ich schrieb zehn grottenschlechte Gedichte, die tatsächlich als Verschenk-Minibüchlein verkauft wurden. Ich war froh, dass ich noch vor Erscheinen des Heftchens heiratete und mein Name nicht mehr mit dieser peinlichen Veröffentlichung, die in Buchhandlungen als Mitnehm-Artikel an der Kasse lagen, in Verbindung gebracht werden konnte.

Jahrtausendwende

Mein Mann hat auch eine Ader fürs Erzählen und Schreiben. Wir begannen irgendwann aus Spaß abwechselnd Teile eines Romans zu schreiben, der „Flucht aus Deutschland“ heißen sollte. Die Geschichte phantasierte über die Möglichkeiten einer Nazi-ähnlichen Machtübernahme im Deutschland der 90er Jahre. Auch dieser Roman, in dem erstaunlich viele Katzen vorkamen, kam nie über die ersten 100 Seiten hinaus, war aber ein tolles Projekt.

Erst jetzt, im Rückblick, wird mir deutlich, dass ich schon immer ein starkes Interesse für die Geschichte des Dritten Reiches hatte. Ich habe eine Zeitlang reihenweise Bücher wie die von Ralph Giordano oder Walter Kempowski gelesen. Irgendetwas faszinierte mich an dieser Zeit.

Ich begann, meine Fähigkeiten dem Tierschutz zur Verfügung zu stellen. Unzählige Informationstexte und Forumsbeiträge flossen mir nicht mehr aus der Feder, sondern in die Tasten. Meine Texte rasseln nur so aus den Fingern. Wenn ich einen Anfang gefunden hatte, dann entstand der Rest wie von selbst in einer sehr kurzen Zeit.

Bis ich etwa 30 war, war ich davon überzeugt, dass ich keine längeren Geschichten erfinden kann. Oft haben mich Freunde aufgefordert, doch mal eine richtig lange Erzählung oder einen Roman zu verfassen. Aber ich habe immer abgewunken und gesagt, dass ich dazu ein Erlebnis, einen Anlass, irgendetwas aus der Realität bräuchte. Ich könnte so etwas wie Mittelerde und Hobbits und Elben nicht erfinden.

Für unsere Tierschutz-Internetseite hatten mein Mann und ich 2004 die Idee, einen Adventskalender als Fortsetzungsgeschichte zu schreiben. Uns war gerade ein Katzenkind zugelaufen und wir begannen, eine märchenhafte Tierschutzgeschichte über dieses Kätzchen. An jedem Tag in diesem Advent schrieben wir eine neue Fortsetzung der Geschichte von Sherry und ihren Freunden, die am nächsten Morgen im Internet als Kalendertürchen erschien. Es wurde ein toller Erfolg, die Leute liebten Sherry und ihre Erlebnisse. Wir ließen also das Sherry-Märchen „Wünschen ist nicht immer einfach“ mit 500 Exemplaren als Tierschutzbuch drucken und es verkaufte sich innerhalb weniger Wochen restlos.

Im Advent 2005 gab es eine Fortsetzung der Geschichte. Wieder 24 Tage je ein Kapitel Tierschutzmärchen. Die Erzählung wuchs ganz von selbst. Ich erlebte zum ersten Mal, wie sich Handlungen und Charaktere während des Schreibens derart verselbständigen können, dass ich es selber kaum abwarten kann, wie die Geschichte weiter geht und regelrecht in meine Protagonisten verliebt bin. Es entstand also wieder ein gedrucktes Buch: „Freundschaft ist keine Frage der Zeit“. Jetzt war die Auflage schon etwas höher und es war ebenso schnell ausverkauft und die Leute verlangten nach mehr.

Die dritte Adventsgeschichte in 2006 war zwar auch eine Fortsetzung der ersten beiden Teile, aber hier nahm die Handlung schon etwas überwältigende Ausmaße an und wurde ziemlich ernst. Das kindliche, spielerische Element des ersten Sherry-Buches wich einer dramatischen Erzählung über Kindheit, Gerechtigkeit und Wut. Dieser dritte Teil „Die Saphire“ wurde nur im Internet veröffentlicht. Die Erzählung war zu lang und der Druck wäre, mit so vielen Seiten, ein zu großes Risiko für uns gewesen, denn wir hätten mit mehreren tausend Euro in Vorlage gehen müssen. Der Gewinn ging ja sowieso an den Tierschutzverein. Außerdem hätte ich die Saphire noch aufwändig überarbeiten müssen, denn schließlich war der komplette Roman mit über 120 Seiten in nur 24 Tagen entstanden.

Seit ich „Die Saphire“ geschrieben hatte, ließ mich der Gedanke an einen großen Roman nicht mehr los. Lange überlegte ich, ob ich nicht die Saphire weiter erzählen sollte. Ich machte hier und da einen Ansatz, aber es wurde nichts rechtes. Irgendetwas stimmte nicht. Es dauerte noch zwei Jahre, bis ich herausfand, was nicht stimmte: ich hatte immer nur Ideen für Anfänge von Geschichten und dann ging es nicht weiter. Ich wusste überhaupt nicht, wohin ich das Schiff segeln lassen könnte, was da mein Roman werden sollte. Ich schipperte irgendwie richtungslos herum und schließlich gab ich den Plan auf.

Vorerst…

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...und was daraus wurde

Ca. 60 Jahre später: Weihnachten 1973 in Essen Rüttenscheid. Man beachte das Buch "Das kleine Gespenst" auf dem Gabentisch. (Foto: Horst Mandorf)
1985 backstage mit der Theatergruppe Essen e.V.. Ich spielte die Maria in Albert Camus' "Missverständnis". (Foto: Thomas Mandorf)
Foto: Stefan Grothus
1999 Tecklenburg

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